Schloßhotel Vietgest oder: Nur die Stärksten überleben

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Am Wochenende war es mal wieder soweit.  Nach sehr guten Erfahrungen in einem anderen Schloßhotel in Mecklenburg-Vorpommern, sollte es für zwei Übernachtungen ins Schloßhotel Vietgest gehen. Den Aufenthalt für zwei Personen hatte ich bei ebay ersteigert, und der kostete 98 €. Darin enthalten waren:

1 Empfangsgetränk
2 x Übernachtung im behaglichen Doppelzimmer
2 x Genießerfrühstück
1 x 3-Gänge-Menü
1 x 4-Gänge-Candle-Light-Dinner
1 x Lunchpaket bei Abreise
Kostenloses Parken

Äußerer und erster Eindruck
Von außen sieht das Schloss total runtergekommen aus. Die Bilder im ebay-Angebot und auf der Website des Hotels wurden hübsch nachgearbeitet. Wie man später im Prospekt auf dem Zimmer erfährt, steht der barocke Putz unter Denkmalschutz und darf daher nicht gestrichen werden. Ein „Denkmal“-Zeichen habe ich am ganzen Schloss nicht gesehen. Sonst wird doch mit sowas auch gern geworben?! Komisch! In der Eingangshalle roch es nach Kantinenessen übelster Sorte. Da bin ich ziemlich allergisch. Ich wollte am liebsten gleich wieder umdrehen. Eine Rezeption in dem Sinne gab es nicht. Sie bestand aus einem Tisch mit Zettelwirrwarr darauf. Dafür wurde man sofort genötigt, anzugeben, wann und was man als Hauptgericht am Abend essen will. Der Kellner begleitete uns dann aufs Zimmer, ohne aber mal zu fragen, ob er mit der Tasche helfen könnte.

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Zimmer
Das Zimmer war nicht geheizt. Bei dicken Schlossmauern macht das natürlich Sinn, weil die Betreiber so Geld sparen. Scheiß egal, wie der Gast sich fühlt. Hat ja eh nur den billigen Gutschein gekauft. Die erste Stunde saßen wir nur in Jacke da, da es durch die Fenster zog. Das Zimmer an sich hatte untersten Pensions-, fast schon Jugendherbergscharakter. Weiße Wände, billige Kunstdrucke, uralte Einrichtung, absolut fiese Vorhänge (Muster), die sich auch nicht komplett schließen ließen (Erdgeschoss!). Die Auslegware war beige und schon so richtig totgetrampelt. im Bad gab es einen wilden Fliesenmix an Wand und Boden (blaue Fliesen mit pinkfarbener Fugenmasse). In der Dusche lebte der Schimmel. Wenigstens war die Flasche Rotwein (0,25 l) als Empfangsgetränk stilecht auf Schlosstemperatur runtergekühlt. Uns war aber bei den Temperaturen nicht nach Kaltgetränken!

Nachts war es dann sehr hellhörig. Fernsehgeräusche, Unterhaltungen, alles war zu hören. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass kein Klogang unbemerkt blieb. Zudem tat der Fernseher in regelmäßigen Abständen so, als würde er sich einschalten wollen, was mich immer total erschreckte. Nach dem dritten Mal stieg ich in die Kälte und zog den Stecker. Außerdem war die Luft total trocken, dadurch, dass wir alle Heizungen volle Pulle aufgedreht hatten.

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Service und Gastronomie
Gegen 18.30 Uhr gingen wir in das Restaurant, öhöm… Gourmet-Restaurant La Perla natürlich. Ich will ja nichts unterschlagen. Dieser Name kann allerdings nur einem ironischen Anflug der Betreiber entsprungen sein, denn was hier geboten wurde, war  unterstes Imbissbudenniveau.  Kaum, dass wir saßen, fragte die Aushilfskellnerin, wann wir gedenken, zu frühstücken. Häääääh?? Frühstück gab es doch in Buffetform?! Wie unflexibel sind die hier eigentlich? Sie ließ dann ständig ihr Serviertuch fallen, um es dann fröhlich weiter zu benutzen. Dafür fragte sie uns, was wir trinken möchten, ohne, dass sie uns erst einmal eine Karte angeboten hätte. Nun ja, wir wollten eh Bier und Alster, von daher ging es schon ohne.

Vorspeise:
Tomatensuppe mit Knoblauch an Bärlauch
oder so ähnlich. Schön doppelt gemoppelt. Der Knoblauch schwamm dann auch noch in großen Mengen in Scheiben geschnitten in der Suppe rum. Das Grüne war der Bärlauch, sicher eingefroren, denn die Saison ist ja lääääääängst vorbei. Die Suppe schmeckte nach Salz, etwas Brühe und Knoblauch, allerdings nicht nach Tomate. Dafür war sie warm, was uns erstmal erfreute, weil wir schon etwas durchgefroren waren.

Hauptgang:
Seehecht auf frischem Wurzelgemüse mit Reis.
Leider schmeckte es nach rein gar nichts. Keine Gewürze, Salz und Pfeffer scheinen Fremdworte zu sein. Das frische Wurzelgemüse war TK-Ware; es waren nur pseudomäßig einige Karottenstücke frisch reingeschnitten.

Pommersche Haxe auf Kraut mit Speck und Salzkartoffeln. Als die Kellnerin den Teller hinstellte, dachte ich, ich blicke in die Essentonnen der ehemaligen DDR-Schülerspeisung. Es war alles irgendwie breiartig, die Kartoffeln, waren die allerletzten Schweinekartoffeln, wie ich sie wirklich seit Untergang der DDR nicht mehr gesehen habe. Weiß, glibberig, glasig. Auch, dass sie in literweise Butter schwammen, stand ihnen nicht gut zu Gesicht. So dachte ich, ich könnte mich ja noch an Kraut und Haxe laben. Doch leider war das Kraut mit einer braunen Soße mit Speckwürfeln darin überzogen und es schmeckte komisch und muffig. Die Haxe war absolut trocken und das Fleisch zäh. Ich habe dann nur ein bisschen gegessen, weil ich ja doch irgendwie Hunger hatte. 80 % musste leider auf dem Teller bleiben.

Nachtisch:
Selbstgemachtes Quittenkompott
. Die Quittenscheiben waren wohl in Zimt eingelegt und wurden dann mit unverhältnismäßig viel Gelatine übergossen. Das war das Kompott, was eine komische Konsistenz hatte und auch irgendwie eklig war.

Zum Frühstück gingen wir kurz vor 9.00 Uhr. Draußen schien die Sonne auf eine verschneite Landschaft. Wir wurden danach gefragt was wir trinken und ob und wie wir unser Frühstücksei wollten. Rühreier sollten es sein. Das Rührei, das dann kam, war das kleinste Rührei, das ich je gesehen hatte. Es war nämlich aus genau einem Ei gemacht. Denn mehr stand uns ja nicht zu. Dafür schmeckte es dann auch nur nach Glibber, da wohl Salz und Pfeffer immer noch aus waren. Die Brötchen waren lecker und die selbstgemachte Marmelade auch. Natürlich wurde uns schon wieder der Auswahlzettel für das abendliche 4-Gänge-Menü untergeschoben. Da wir uns aber längst entschieden hatten, abzureisen, füllten wir ihn auch nicht aus. Wie die Gerichte schmecken würden, wussten wir auch so schon. Bäh…

Der Koch, der gleichzeitig der Schlossherr ist, zeigte sich dann auch noch kurz. Lt. Hotelprospekt ist er ein weitgereister Koch. Wir vermuteten, dass er die meisten Großkantinen dieser Welt kennt. Obwohl da tue ich meiner Mittagskantine Unrecht, denn selbst da bekomme ich eine saftige Haxe.

Sonstiges
Nach dem Frühstück waren wir noch im Schlosspark spazieren. Das war schön. Alles toll verschneit. Wie ich in verschiedenen Bewertungsportalen gelesen habe, scheint in dem Schloss eine Zweiklassengesellschaft zu herrschen. Die Ebayer werden mit Billigessen und miesen Zimmer abgespeist. Mehr hätten sie auch nicht verdient, so die Meinung des Betreibers. Näheres kann man u. a. hier nachlesen. Da habe ich woanders wirklich andere Erfahrungen gemacht, wo Ebayer keine minderwertigen Sachen angedreht bekommen. Da der Schloßherr auf solche Gäste ja keinen Wert legt, kann er ja mal versuchen, ohne die Gutschein-Inhaber auszukommen. Da könnte er sofort dichtmachen. An unserem Wochenende waren ca. 10 Familien mit Gutschein da, während nur zwei Personen normale, also teure Gäste waren, die auch anderes Essen bekamen. Wenn sich das rechnet, nur los Herr Ehnes! 🙂

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Fazit:
Hier sind absolute Blender am Werk. Mehr Schein als Sein. Bauen alles aus eigenen Mitteln auf, sind sogar noch stolz drauf, keine öffentlichen Mittel zu beantragen, so sieht es dann aber auch aus. Vom selbst verlegten Teppich über Kunstblumendeko und einer völlig inakzeptablen Küche. Bei unserer Abreise wurde wir noch nicht mal gefragt, warum wir schon einen Tag früher abreisen. Mehr Desinteresse an einem Gast kann man nicht haben. Die Preise stehen in keinem Verhältnis zu der gebotenen Leistung. Hier zahlt man nur für den Namen Schloß, sonst für gar nichts. Finger weg vom Hotel Schloß Vietgest!!! Denn sie wissen nicht, was sie tun! Das ist auch die einzige Entschuldigung, die man gelten lassen kann und die mich diese Sache inzwischen recht gelassen sehen lässt.

Bevor ich das nächste Mal die Katze im Sack kaufe, werde ich mich vorher auf diversen Hotelbewertungsportalen umsehen. Und hätte ich u. a. diesen Blogeintrag vorher gelesen, wäre mir so einiges erspart geblieben.

Hotel – hotell | Schloß – slott

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